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Die „Marienkapelle“ in Dahlen

von Paul Hilgers sen.

 (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Paul Hilgers sen.)

 Die Marienkapelle stand vor dem ehemaligen „Mühlentor“, der Stadtmauer Dahlens, dort, wo heute die Fußfallstation steht. Hierbei handelte es sich, im Gegensatz zu vielen anderen Kapellen des Rheindahlener Stadtteils, nicht um ein „Oratorium“ (Bethaus), weil in der vorgenannten Kapelle das Hl. Messopfer gefeiert werden durfte. Es war demnach auch die erste Kapelle außerhalb des Stadtkerns von Dahlen.

Die nun folgenden Berichte sind eine Zusammenfassung der bisherigen Informationen unterschiedlicher Quellen.

Im „Bruderschaftsbüchlein der Marianischen Rosenkranzbruderschaft in Rheindahlen“ wird über die Geschichte der Bruderschaft folgendes geschrieben:

Die Rosenkranzbruderschaft in der Pfarrkirche zur Hl. Helena in Rheindahlen wurde errichtet im Jahre 1650 unter dem Pfarrer Henricus Reuter.

Die canonische Einführung fand am Ostersonntage, den 31. März 1652 statt durch den Dominikaner-Pater Conrad Schagens von Anrath aus dem Kölner Dominikanerkloster. Damit die Andacht treu und feierlich gehalten werde, stiftete Pfarrer Reuter im Jahre 1654 die Summe von 200 Reichstalern, die später auf 250 Reichstaler erhöht wurde. Er bestimmte dabei die Ordnung der Andacht folgendermaßen: Am ersten Sonntage im Monate und an allen höheren Muttergottesfesten zog die Prozession aus der Pfarrkirche zu der auf dem Kirchhofe vor dem Mühlentore gelegenen alten Kapelle, und zwar nachmittags nach gehaltener Vesper. Dort fand die Rosenkranzandacht statt, nach derselben Predigt; nach Rückkehr in die Pfarrkirche wurde dort der sakramentale Segen gegeben.

Der erste Präfekt war der damalige Bürgermeister von Dahlen, Wilhelm Quirins. Das Stiftungskapital, betreffs dessen der Stifter für den Fall der Auflösung der Bruderschaft genaue Bestimmungen traf, wurde mit den übrigen Kirchen- und Klostergütern im Anfange des 19. Jahrhunderts eingezogen und ist verloren. Die Bruderschaft aber blieb bestehen.

Die Andacht wurde stets treu gehalten und gut besucht, die Gläubigen empfingen an den Bruderschaftstagen fleißig die Hl. Sakramente. Ja, der erste Monatssonntag erhielt durch die Bruderschaftsfeierlichkeiten einen besonderen Charakter, fast als Festtag, so dass die Männer an diesen Tagen in vollem Staat mit schwarzem Zylinder beim Gottesdienste erschienen, während sie an den anderen Sonntagen in der üblichen bäuerlichen Tracht mit Holzschuhen und blauem Kittel kamen.

Seit dem Abbruche der Kapelle auf dem alten Kirchhofe fand die Prozession mit dem Allerheiligsten in der Kirche statt, wobei vier weißgekleidete Jungfrauen ein großes bekleidetes Muttergottesbild auf einer Tragbahre auf den Schultern durch die Kirche trugen. Die Sitte ist gegen Mitte des 19. Jahrhunderts abgekommen.

Rudolf Brandts schrieb in „Aus Geschichte und Kultur einer Rheinischen Stadt“ (S. 305 Abs. 2) über die Geschichte der ehemaligen reformierten Gemeinde in Dahlen folgendes über die Kapelle:

Der bei der Kirchenvisitation in Erscheinung tretende Schöffe Peter Wendel wird auf dem am Dahlener Mühlentor gelegenen „Wendelengut“, einem Lehen der reformationsfreundlichen Reichsfreiherren von Quadt – Wickrath, ansässig gewesen sein und von diesem Lehnsgut seinen Namen abgeleitet haben. Es dürfte sich bei ihm um den Begründer der späteren reformierten Familie Wendelen und wohl auch um den Vater jener Helena Wendelen handeln, die 1567 den evangelischen Rentmeister von Wevelinghoven heiratet, wobei sie als „des Bürgermeisters Tochter zu Dalen“ bezeichnet wird; ein nicht uninteressanter Hinweis darauf, dass der 1560 in Dahlen amtierende Schöffe trotz einer bei ihm zu vermutenden reformatorischen Gesinnung dort in das Amt eines der beiden städtischen Bürgermeister aufsteigen konnte.

Auf dem zum „Wendelengut“ gehörigen Grundbesitz hat anscheinend auch das zwischen 1609 und 1614 errichtete, 1622 von den Spaniern wieder abgebrochene reformierte Predigthaus gestanden und 1634/35 werden in dem Konfirmationsregister der reformierten Gemeinde Wickrathberg, an die sich die Dahlener Reformierten nach der Zerstörung ihrer Gemeinde (1622/1623) gehalten haben, mit Maria und Dietrich Wendelen noch einmal zwei Angehörige der in der Frühzeit der Dahlener Reformationsgeschichte hinreichenden Familie Wendelen genannt.

Bis zum Jahre 1609 ist die reformierte Gemeinde Dahlen im Verbund des „Gladbacher Quartiers“ verblieben. Als sich 1610 die reformierte Kirche in Jülich-Kleve-Berg eine neue Organisation gab, wurde die nunmehr öffentliche Dahlener Gemeinde der Jülicher Provinzialsynode zugewiesen. In deren 3. Klasse verblieb sie bis zu der Zerstörung ihres Predigthauses und der Unterdrückung jeglicher Religionsausübung in den Jahren 1622/23 (S. 317 Abs. 3 und S. 318).

Nach 1623 hat in Dahlen mit größter Wahrscheinlich kein öffentlicher Gottesdienst mehr stattgefunden. Die dort verbliebenen Reformierten hatten daher keine Chance, aufgrund des „Westfälischen Friedens“ von 1648 restituiert zu werden, da der hierzu erforderliche Nachweis einer öffentlichen Religionsausübung im so genannten „Normaljahr“ 1624 nicht zu erbringen war. Im gleichen Jahr kommen die Spanier nach Dahlen, sie stören die öffentlichen Predigten und brechen im folgenden Jahre 1622 das Predigthaus (die Kirche) ab.

Im Rheinischen Provinzialkirchenarchiv in Bonn befindet sich ein Aktenband, der ein Aktenstück enthält mit dem Eintrag: „Zu Dahlen ist vom jhar 1610 bis 1622 immer frey und unverhindert gepredigt worden. Alß aber im selbigen jhar die Spanische Einquartirungh dahin kommen, ist im jhar 1622 die predigt zerstöhret und das predigthauß abgebrochen. Im jahr 1623 ist noch eine weitere predigt gehalten und im jhar 1624 anderst nit alß öffentliche Versamblungen jedoch mit großer gefahr, welche die gemeinen etlichen jhar hernacher continuiret. Also zeuge mit meiner eygenen Hand unterschrifft, zu Dahlen den 9. 8bris 1666. Jan Alberts“.

Toni Mennen und Michael Walter schreiben in “Die mittelalterliche Burg Gripekoven und die Herrschaft Dalen” Teil 1 S. 76 hierzu folgendes:

Besonders beachtenswert ist die Tatsache, dass Peter Wendelen 1560 mit zwei weiteren Mitgliedern dieser Familie im katholischen Dalen, in dem die Äbtissin von St. Maria im Kapitol Patronatsherrin war, der reformierten Gemeinde angehörte. Auch auf anderen Wickrather Lehnsgütern waren Bewohner zu dieser Zeit reformiert.

In der Belehnungsurkunde vom 26.09.1639 wird ausdrücklich festgehalten, „dass ohne Vorwissen und Erlaubnis“ des Lehnsherren des Wendelengutes am Mühlentor, des Herrn zu Wickrath, auf einem Stück Baumgarten, die Bleiche genannt, eine Kapelle gebaut worden sei. Der Lehnsherr behält sich vor, diese Kapelle zu „wysteren“, d.h. zu zerstören.

Diese Kapelle war später die „katholische Marienkapelle“, die erst 1794 dem katholischen Friedhof Platz machen musste. Offensichtlich war die kleine Kirche jedoch ursprünglich eine protestantische – genauer gesagt – die zweite protestantische Kapelle der Reformierten Gemeinde Dalen, nachdem die erste Kapelle 1622 von den spanischen Truppen abgebrannt worden war.

„Gröteken“ schreibt in „Geschichte der Stadt und des Amtes Dahlen“ S. 20:

Für das kirchliche Leben aber war es von besonderen Vorteil, dass der Pfarrer Heinrich Reuter die Rosenkranzbruderschaft stiftete und sie am Ostersonntage, den 31. März 1652, durch Conrad Schagens de Anrath aus dem Predigerorden canonisch errichten ließ. 250 Reichstaler, wozu „Dreiss Timmermanns“ noch 52 Reichstaler hinzufügte, bildeten das Stiftungskapital. Die Bruderschaft sollte an jedem ersten Sonntage des Monats mit einer Prozession gehalten werden. Diese Prozession zog früher vom Mai bis Oktober zur Kapelle vor dem Mühlentor.

Dass vor dem Mühlentor eine Kapelle gestanden hat, lässt sich bereits für das Jahr 1717 nachweisen; ja damals bestand schon eine Stiftung an dieser Kapelle. Diese stand an der Stelle des jetzigen alten Kirchhofs, wurde erst zu Anfang dieses Jahrhunderts abgebrochen und als man die Mauer an der Vorderseite dieses Kirchhofes errichtete, sollen noch Fundamente der Kapelle sichtbar geworden sein. Der Platz um die Kapelle wurde erst 1794 zu einem Kirchhofe benutzt.

Bei „Norrenberg“ ist in „Geschichte der Pfarreien des Dekanates Mönchengladbach“ S. 111 zu lesen:

In den Wassenberger Dekanatsstatuten, welche der Dechant Adolf Josef Beeck, Pfarrer zu Ratheim, 1768 zu Köln dem Druck übergab, wird Dalen zu den „ecclesiae mediae“ gerechnet. Hierzu zählten Amern-St. Georg, Bracht, Dalen mit der Kapelle am Mühlentor und weitere.

Die Kapelle vor dem Mühlentor stand mit ziemlicher Sicherheit auf den Grundmauern des Predigthauses der ersten reformierten Gemeinde, in dem diese bis 1622 ihre Gottesdienste abgehalten hatte. Dieses Predigthaus hatte außerhalb der damaligen Stadt, nicht weit entfernt vom Mühlentor auf einer Parzelle gestanden, die dem Wickrather Wendelengut gehört haben muss. 1622 wurde dieses Predigthaus von den spanischen Truppen zerstört. Nach Ende des 30-jährigen Krieges muss das zerstörte Predigthaus als katholische Marienkapelle wieder aufgebaut und in Betrieb gewesen sein.

Schenkt man dem Bericht über Rheindahlener Friedhöfe der Katholischen Kirchenzeitung für das Bistum Aachen aus dem Jahre 1938 Glauben, so wurde an der Wiedererrichtung dieses Bethauses noch vor dem großen Brand von Dahlen 1647 gearbeitet. Seit 1622 war die reformierte Gemeinde von Dahlen offiziell aufgelöst. Sie wurde auch nach dem Westfälischen Frieden nicht wieder eingerichtet. Zu der Marienkapelle habe auch eine Wohnung für den Vikar des Muttergottesaltars gehört. Nach dem Stadtbrand, in dem auch die St. Helena-Kirche großen Schaden litt, habe diese Kapelle gute Dienste für die Abhaltung der Gottesdienste leisten können.

Die Bittprozessionen wurden abgehalten, bis die Kapelle bis zu Beginn der Franzosenzeit, während der antikirchlichen Periode, vom Dahlener Bürgermeister Dortans abgebrochen und das noch brauchbare Material verkauft wurde. Wenn A. Wilms recht hatte, dann bestand diese Marienkapelle noch, als der neue Friedhof 1794 angelegt wurde, denn Dortans wurde erst 1798 Bürgermeister von Dahlen.

Auf die Fundamente dieser alten Kapelle stieß man, als unter Oberpfarrer Augstein auf diesem Gelände ein Stationshäuschen (Fußfall) errichtet wurde.

Im historischen Roman von Wefers, „Das Findelkind von Gladbach“, ist in einem Absatz die Rede von einer Kapelle. Er lautet wir folgt:

„Höre auf, Kind, ich will nichts mehr davon hören. Solltest du in Not geraten, Eva, so dass du Geld bedarfst, so gehe vor das Mühlentor, dort ist eine Kapelle, hinter dem Altar hebe die erste Steinplatte auf, was vermittelst eines Meißels leicht geht, dort liegt ein Beutel mit 100 Goldgulden, die sind für dich. Ich habe sie vor einiger Zeit dort verborgen. Solltest du aber nicht aus der Stadt kommen können durch das Tor, so gehein den Keller bei Ohm Jan, rücke dort den Milchschrank zur Seite und du findest eine Türe, die dich in einen schmalen unterirdischen Gang führt, in diesem Gange gehst du weiter, steigst eine Steintreppe hinauf, bewegst eine Feder, und du befindest dich hinter dem Altar der Kapelle. Betrachte diese Mitteilung als ein Geheimnis. Mein Vater war Küster, und ich allein wusste um diesen Gang, der aus der Küsterwohnung dahin führt. Jetzt kannst du es Ohm Jan sagen. Der Gang hatte den Zweck, dass im Kriegsfalle die Bilder und Kostbarkeiten aus der Kapelle gerettet werden konnten, ohne die Tore zu öffnen. Nun gehe, Kind. In einer anderen Welt sehen wir uns wieder.“

Auszug aus dem „unveröffentlichten Findelkind von Gladbach“ von H. Winnikes jun.:

Kind, hör auf, ich will davon nun

nichts mehr hören – sprach der Alte.

Solltest du in Not geraten,

die der Himmel fern dir halte,

so dass du des Geldes brauchest,

dann geh’ vor dem Mühlentore.

Dort steht eine Waldkapelle.

Hinter dem Altar im Chore

heb’ die erste Steinesplatte,

die da liegt zu deinen Zehen,

was vermittels eines Meißels

ziemlich einfach kann geschehen.

100 gold’ne Gulden findest

du im Beutel in der Ecke,

die für dich sind. Erst vor kurzem

bracht’ ich sie zu dem Verstecke.

Solltest du denn gar nicht

gehen können  durch die Toren,

so geh’ in den Keller bei Ohm

Jan. – Nun spitze deine Ohren! –

Rück’ im Keller dort den Milchschrank

auf die Seite, du wirst sehen

eine Tür, die dir erlaubt, in

einen schmalen Gang zu gehen.

Diesen Gang begehst du weiter,

eine Treppe kommt aus Steinen. –

Bis jetzt hast du mich verstanden?

Wenigstens will es mir scheinen. –

Dann bewegst du eine Feder,

die du findest auf der Stelle.

Du befindest dich dann hinter

dem Altare der Kapelle.

Diese Mitteilung betrachte

als Geheimnis an. Zu lesen

steht’s im Kirchenbuch, dass hier mein

Vater Küster einst gewesen.

Ich alleine wusste um den

Gang, der aus dem Küsterhause

draußen führte vor die Tore

unterirdisch bis zur Klause.

Jetzt kannst du es Ohm Jan sagen,

Zweck des Ganges war zurzeiten,

dass im Kriegesfalle die Bilder

und der Kirchen Kostbarkeiten

konnten rasch gerettet werden,

selbst wenn alle Tore nieder.

Geh’ nun, Kind. In einer ander’n

Welt, da sehen wir uns wieder!

Großvater, leb’ wohl! Ich danke

dir für alle Güte, linde,

die du immer hast erwiesen

deinem armen Findelkinde,

niemals wer’ ich dich vergessen!

Überwältigt von den Schmerzen

sank sie schluchzend an des starken

Mannes kummervollen Herzen. 

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